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Fachkräftemangel Schweiz – So schlimm ist er wirklich

Der Fachkräftemangel in der Schweiz geht aktuellen Studien zufolge jedes vierte kleine und mittlere Unternehmen an. Alles über die Hintergründe des Fachkräfteengpasses und die Möglichkeiten, ihn zu bewältigen.

 

 

Fachkräftemangel Schweiz: Welche Unternehmen sind betroffen?

Summa summarum sind insbesondere rund 90.000 Kleine und Mittelständische Unternehmen (KMU) vom Fachkräftemangel in der Schweiz betroffen. Das hat die Studie „Strategien gegen den Fachkräftemangel“ der Credit Suisse ergeben, die Ende 2017 publiziert wurde. Befragt für die Erhebung wurden rund 1.900 Unternehmen in der Schweiz.

 

Die Ergebnisse der Forscher sind alarmierend:

  • Ein Viertel der KMU gab an, aktuell nicht genügend Fachkräfte zu haben.
  • Mehr als die Hälfte der rekrutierenden Firmen hat große Mühe, geeignete Kandidaten für offene Stellen zu finden, wenn diese überhaupt besetzt werden können.

 

Die Forscher kommen daher zu dem Schluss: „Das Thema Fachkräftemangel ist für Schweizer KMU definitiv sehr relevant.“

 

Fachkräftemangel: Eine Definition

Von Fachkräftemangel ist in einem Wirtschaftssystem übrigens immer dann die Rede, wenn eine signifikante Anzahl an offenen Arbeitsplätzen nicht durch Mitarbeiter mit den dazu passenden Talenten und Skills besetzt werden kann, weil sie dem Arbeitsmarkt nicht in genügender Zahl zur Verfügung stehen.

Die Folge eines nachhaltigen Fachkräftemangels können überdurchschnittliche Gehaltsentwicklungen in einer bestimmten Branche sein: Je geringer das Angebot an Fachkräften, umso teurer können diese ihre Dienste verkaufen. Die Nachfrage bestimmt schließlich die Höhe des Angebots.

Eine weitere Folge eines nachhaltigen Fachkräftemangels ist, dass sich auch die Dauer, bis eine Stelle neu besetzt werden kann, erheblich verlängert. Können Vakanzen langfristig gar nicht besetzt werden, kommt es zu unternehmensschädlichen Verzögerungen in den Prozessen.

 

Fachkräftemangel Schweiz: Der Status Quo

In der Schweiz ist dieser Zustand in bestimmten Sektoren bereits erreicht, wobei von Branche zu Branche erhebliche Unterschiede bestehen. So haben vor allem Kleine und Mittelständische Unternehmen aus der Industrie erhebliche Rekrutierungsprobleme. Besonders klagen etwa die Hersteller von Nahrungsmitteln und die Baubranche. Hier werden vor allem Ingenieure, Techniker und Führungspersonal gesucht.

Derweil sind IT-Experten und Personal im Gesundheits- und Bildungswesen vergleichsweise leicht zu finden. Das ist insofern überraschend, weil Landesnachbar Deutschland gerade in diesen Sektoren händeringend nach Personal sucht.

 

Wie wirkt sich der Fachkräftemangel geographisch aus?

Auch geografisch ist der Fachkräftemangel in der Schweiz unterschiedlich ausgeprägt. Besonders rar sind qualifizierte Arbeitnehmer vor allem in der Ostschweiz. In dieser Region geben fast zwei von drei KMU zu Buche, sich bei der Kandidatensuche in der Tendenz schwer bis sehr schwer zu tun.

Etwas abgemildert ist der Fachkräftemangel in der Schweiz hingegen in der Genfer Seeregion: Hier liegt der Anteil der betroffenen Kleinen und Mittelständischen Unternehmen „nur“ bei 49 Prozent. Im Tessin liegt der Quotient mit 40 Prozent noch deutlicher unter der 50-Prozent-Marke. „In der lateinischen Schweiz scheint der Fachkräftemangel damit weniger ausgeprägt zu sein als in der Deutschschweiz“, konstatieren die Autoren der Studie.

 

Gründe für den Fachkräftemangel in der Schweiz

Einer der Hauptgründe für den steigenden Fachkräfteengpass in dem Zuwanderungsland Schweiz ist die rückläufige Einwanderungsrate von Fachkräften aus dem europäischen Ausland. Statistiken zufolge wandern immer weniger erwerbsfähige Personen in das Alpenland ein. So lag die Zuwanderungsquote im ersten Halbjahr des Jahres 2017 um 25.500 Personen und damit über ein Viertel niedriger als im Vergleichszeitraum des Jahres 2015. Tendenz massiv steigend: Im zweiten Quartal des Jahres 2017 wanderten gerade einmal so wenige EU-Bürger ein wie zuletzt zwölf Jahre zuvor.

 

EU-Bürger haben gute Chancen auf Arbeit im eigenen Land

Der Grund: Das wirtschaftliche Umfeld im Ausland hat sich deutlich aufgehellt und die Chancen für EU-Bürger, in ihrem eigenen Land eine Stelle zu finden, stehen besser denn je. In der Folge sind die Auswanderungspläne vieler Europäer in die Schweiz rückläufig. Sie sind zum einen nicht mehr gezwungen, auszuwandern. Und zum anderen sind sie auch vermehrt bereit, der Schweiz wieder den Rücken zu kehren, um wieder im Heimatland Fuß zu fassen. So sind zum Beispiel die Arbeitsmärkte in Spanien und Portugal zu neuem Leben erwacht.

In erster Linie ist aber das Nachbarland Deutschland Verursacher der rückläufigen Einwanderungsquote. Der Arbeitsmarkt in der nahegelegenen Bundesrepublik hat sich innerhalb weniger Jahre zugunsten der Arbeitnehmer gedreht und weist mittlerweile eine niedrigere Erwerbslosenquote auf als die Schweiz.

 

Der größte Bedarf an qualifiziertem Personal herrscht in Deutschland diesen Branchen:

 

  • Pflege
  • Medizin
  • Handwerk
  • Technische Berufe
  • MINT-Berufe

 

Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in der Schweiz

Doch selbst mit der regsten Zuwanderungsquote stünde die Schweizer Wirtschaft einem riesigen Problem gegenüber: Die zunehmende Überalterung der Bevölkerung wird dazu führen, dass in den kommenden zehn Jahren weitere Arbeitskräfte fehlen. Die Frage, vor der die betroffenen Unternehmen stehen: Welche Maßnahmen können dem Fachkräfteengpass entgegenwirken? Die gute Nachricht: Viele Schweizer KMU schätzen den Zusatzbedarf an Fachkräften aufgrund von Mitarbeiterpensionierungen in den nächsten fünf Jahren überwiegend als gering bis moderat ein. Denn nicht alle Jobs, die frei werden, müssen in Zeiten der Digitalisierung nachbesetzt werden. Viele von ihnen können von Maschinen übernommen werden.

Laut der Credit Suisse-Studie geben nur knapp 15 Prozent der Umfrageteilnehmer an, dass ihr künftiger Bedarf weiter stark oder sehr stark steigen wird. „Schweizer KMU werden jedoch nicht darum herumkommen, sich an die demografische Alterung und die daraus resultierenden Konsequenzen anzupassen“, stellen die Forscher fest und geben auch Hinweise, wie.

 

Beschäftigung über das gesetzliche Rentenalter hinaus

So könnte etwa die Beschäftigung von Mitarbeitenden über das gesetzliche Rentenalter hinaus eine Möglichkeit darstellen, „das Arbeitskräftepotenzial älterer Fachkräfte besser zu nutzen“. Hier herrscht allerdings großer Handlungsbedarf. „Über alle befragten Unternehmen setzt jedoch lediglich knapp jedes vierte KMU manchmal oder oft auf diese Maßnahme, um den Fachkräftebedarf zu sichern.“

 

Weitere Maßnahmen, um den Fachkräftemangel abzufedern könnten sein:

  1. Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Belegschaft, so dass jeder Mitarbeiter seine Aufgaben stets bestmöglich ausführen kann und Verzögerungen im Prozess ausgeschlossen werden können
  2. Das Angebot attraktiver Arbeitsbedingungen in punkto Lohn, Arbeitszeit, Karrieremöglichkeiten und Zusatzleistungen, um Mitarbeiter langfristig zu binden
  3. Die aktive Suche nach Mitarbeitern auf Berufsmessen, Jobportalten und über Personalvermittler
  4. Das Einstellen von Zeitarbeitern und / oder Freelancern