Mitarbeiter werben Mitarbeiter – wie funktioniert das genau?

  • 11. September 2017
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Viele Unternehmen suchen händeringend nach talentierten Mitarbeitern und gehen im Recruiting neue Wege: Bei Karrieremessen sprechen sie junge Absolventen an oder üben sich auf Businessnetzwerken im Active Sourcing. Einen Quell für neue Mitarbeiter zapfen sie jedoch eher selten an: Die eigene Belegschaft. Das Prinzip: Mitarbeiter werben Mitarbeiter.

 

Mitarbeiter werben Mitarbeiter: große Erfolge in der Rekrutierung

Konzerne wie Siemens und die Deutsche Bahn sind auf den Geschmack gekommen: Sie lassen ihre Angestellten für neue Kollegen werben. Kommt es zu einer Einstellung winken Prämien – mitunter im vierstelligen Bereich. Diese Großzügigkeit kommt nicht von ungefähr. Denn die Erfolge in der Rekrutierung sind groß.

Die Personaler bei der Deutschen Bahn verzeichneten zum Beispiel innerhalb eines Jahres mehr als 1.000 Einstellungen, die über persönliche Kontakte von Mitarbeitern zustande gekommen sind. Eine beträchtliche Quote, wenn man bedenkt, dass das Unternehmen jedes Jahr insgesamt 7.000 bis 8.000 neue Angestellte sucht.

Im Grunde dürfte es aber nicht überraschen, dass die Deutsche Bahn mehr als zehn Prozent ihrer Neueinstellungen über die persönlichen Netzwerke ihrer Mitarbeiter rekrutiert. Niemand empfiehlt gegenüber seinem Arbeitgeber schließlich eine vermeintliche Null. Entpuppt sich ein Kandidat beim näheren Kennenlernen als solche, fällt das auch auf ihn zurück.

 

Mitarbeiter-empfehlen-Mitarbeiter-Programme bergen eine gewisse Qualitätsgarantie

Insofern bergen Mitarbeiter-empfehlen-Mitarbeiter-Programme von vornherein eine gewisse Qualitätsgarantie. Die Mitarbeiter kennen die Leute, die sie empfehlen in der Regel persönlich und führen vorab unbewusst eine erste Vorselektion für ihren Arbeitgeber durch: Passen die Fähigkeiten? Passt der Kandidat zum Unternehmen? Erst dann kommt es zur Empfehlung. Die Personalabteilung spart mit jeder erfolgreichen Mitarbeiterempfehlung Zeit und bares Geld. Ein Faktor, der es ihr letztlich auch leichter macht, Erfolgsprämien auszuschütten.

 

Die Vorteile der Netzwerkrekrutierung:

 

  • Die Vorauswahl durch die eigenen Mitarbeiter beschleunigt den Bewerbungsprozess erheblich, weil die Kandidaten durch das Briefing des Mitarbeiters besser vorbereitet sind und schnell auf den Punkt kommen.
  • Unternehmen verplempern ihre Zeit nicht mit schwachen Talenten.
  • Betriebe sparen sich das Schalten teurer Stellenanzeigen.
  • Aufgrund der guten Passung des Kandidaten fällt die Onboarding-Phase weniger intensiv aus.
  • Der Teamgeist wird gestärkt: Arbeiten Mitarbeiter mit Menschen, die sie gut kennen, finden die „Neuen“ rasch Anschluss an das Team. Das erhöht die Motivation und die Produktivität.

 

Nur wenige Firmen sind auf den Geschmack gekommen

Trotz aller Vorteile von Mitarbeiter-empfehlen-Mitarbeiter-Programmen sind Firmen hierzulande aber noch nicht auf den Geschmack gekommen, wie die Experten der Uni Bamberg in einer Studie herausgefunden haben. Nur ein Viertel der Top-1.000-Unternehmen habe ein Mitarbeiterempfehlungsprogramm implementiert, konstatiert das Team rund um Studienleiter Professor Tim Weitzel. Im Mittelstand sind es mit 18,8 Prozent noch einmal weniger.

Doch trotz der geringen Bemühungen in punkto Netzwerkrekrutierung generieren die Top-1.000-Unternehmen stolze 8,2 Prozent ihrer Einstellungen über ein Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programm. Nicht zu verachten! Professor Weitzel sprach angesichts dieser Zahlen gegenüber Spiegel-Online bereits im vergangenen Jahr von einem „mächtigen Kanal“.

Er kennt jedoch auch die Grenzen: „Ein nennenswerter Teil der Mitarbeiter spricht keine Empfehlungen aus.“ Vor allem Frauen und ältere Menschen hätten die Sorge, eine Empfehlung könnte sich als Flop erweisen. Viele wollten zudem Beruf und Privates trennen.

 

Frauen und ältere Mitarbeiter trauen sich nicht, neue Kollegen zu empfehlen

Vielleicht hat die natürliche Zurückhaltung mancher Kollegen aber auch etwas Gutes. Denn Experten sind sich einig, dass ein Zuviel der Netzwerkrekrutierung ins Negative umschlagen kann.

Zum Beispiel, weil die Vielfalt im Unternehmen leidet: Wer immer wieder Mitarbeiter aus der gleichen Altersklasse und sozialen Schicht einstellt, riskiert, dass wichtige Impulse für das Unternehmen verloren gehen – aus anderen Generationen, von anders Denkenden oder Kollegen mit einem anderen kulturellen Hintergrund.

Doch gerade das hat erfahrungsgemäß immer wieder zu Innovationen geführt. Ein bunter Mix aus Jung und Alt, Männern und Frauen, verschiedener Herkunft ist also wünschenswert. Darauf sollten Personaler achten.

Das ist sogar wissenschaftlich belegt. Unternehmen mit einem guten Diversity Management sind erfolgreicher und innovativer, wie eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) und der Technical University of Munich (TUM) zeigt. Unternehmen mit einem höheren Grad an Diversity einen besseren Ertrag aus neuen Produkten oder Dienstleistungen. Diversity hat dann die höchste Innovationskraft für Unternehmen, wenn eine offene Unternehmenskultur unterschiedliche Perspektiven zulässt und wertschätzt.

 

Netzwerkrekrutierung: Fingerspitzengefühl ist wichtig

Bei der Netzwerkrekrutierung ist also Fingerspitzengefühl gefragt. Aber Recruiter haben das Zepter ja in der Hand. Schließlich können sie Kandidaten im Zweifel auch einmal ablehnen oder das Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programm zeitweise aussetzen, sollte sich eine erste Cliquenbildung im Unternehmen abzeichnen.

Dieses Szenario sollte bei der Implementierung mit bedacht werden. Realiter ist es aber in den meisten Fällen noch weit weg. Die meisten Unternehmen müssen erstmal Sorge tragen, dass ihr Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programm in Schwung kommt.

Dafür müssen sie in Vorleistung treten. Hier kommt das Stichwort Employer Branding ins Spiel. Ohne eine gute interne Arbeitgebermarke wird der Vorstoß der Netzwerkrekrutierung kaum von Erfolg gekrönt sein. Welcher Mitarbeiter schlägt schon einem guten Freund oder Bekannten vor, dort zu arbeiten, wo er sich selbst nicht wohlfühlt?

 

Bedeutung der internen Arbeitgebermarke

Bei einem schlechten Betriebsklima ist die Gefahr groß, dass Empfehlungen emotionslos und auf gut Glück ausgesprochen werden. Vielleicht klappt’s ja mit der Prämie! Dann ist der Frust in der Personalabteilung groß, wenn immer wieder die falschen zum Vorstellungsgespräch erscheinen.

Die Basis für das Gelingen von Netzwerkrekrutierungen bildet also zunächst ein gutes Klima im Betrieb. Wenn Personalabteilungen darüber nachdenken, ein Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programm zu implementieren, sollten sie sicher sein, dass innerhalb der Belegschaft alles im Lot ist. Im Zweifel bieten sich regelmäßige Mitarbeiterbefragungen an.

Für ein optimales Betriebsklima zu sorgen, sollte aber noch aus einem anderen Grund eine Selbstverständlichkeit sein. Sonst schleppen Mitarbeiter nicht nur immer wieder ungeeignete Bekanntschaften an, sondern kommen irgendwann selbst in den Genuss der Vorzüge von Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programmen. Spätestens dann, wenn sie von einem guten Bekannten den Hinweis erhalten, dass dessen Arbeitgeber soeben eine Stelle ausgeschrieben hat, die perfekt zu ihnen passt…

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