Arbeitnehmerüberlassung: Vorurteile ausgeräumt?

  • 5. Oktober 2018
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Lange genoss die Arbeitnehmerüberlassung einen eher schlechten Ruf. Doch das Blatt hat sich gewendet. Denn Vieles hat sich verändert. Einige Player in der Branche haben eine regelrechte Transformation durchlaufen. Viele Anbieter bewegen sich sogar in hochspezialisierten Bereichen des Arbeitsmarktes. Heute gehören Personaldienstleistungen daher zur deutschen Wirtschaft wie jede andere Branche.

 

Arbeitnehmerüberlassung: Branche im Wandel

Arbeitnehmerüberlassung wird auch als Leiharbeit bezeichnet. Bei dieser Beschäftigungsform „leiht“ ein Arbeitgeber einen Arbeitnehmer an einen anderen Betrieb aus.

 

Gegenüber dem Thema Arbeitnehmerüberlassung halten sich allerdings viele Vorbehalte recht hartnäckig. Dazu gehören zum Beispiel:

  1. Arbeitnehmerüberlassung ist nichts für Fachkräfte
  2. Arbeitnehmerüberlassung ist keine Festanstellung
  3. Leiharbeiter haben keine Rechte
  4. Leiharbeiter verdienen viel weniger

 

Trafen diese Aussagen früher auch mehr oder weniger zu, ist das inzwischen immer häufiger nicht mehr der Fall. Denn die Branche befindet sich in einem Wandel. Das liegt hauptsächlich darin begründet, dass sich auch die Arbeitswelt gedreht hat. Zum Beispiel ist der Mangel an Fachkräften auschlaggebend dafür, dass sich Unternehmen auch in hochspezialisierten Bereichen immer intensiver mit dem Thema der Arbeitnehmerüberlassung auseinandersetzen. So können sie Löcher in ihrer Personaldecke schneller schließen.

 

Fachkräftemangel verschafft der Arbeitnehmerüberlassung Aufwind

Der Hintergrund ist, dass es insbesondere in Bereichen wie der IT, Life-Sciences und dem Engineering massiv an gut ausgebildeten Fachkräften mangelt. Frei verfügbare Arbeitskräfte gibt es hier praktisch nicht mehr. Immer mehr Unternehmen üben sich daher in der Direktansprache von Kandidaten und verwenden große Energie darauf, Mitarbeiter bei anderen Arbeitgebern mit lukrativen Angeboten abzuwerben. Doch das kostet viel Zeit.

Eine andere Möglichkeit, die einen kurzfristigeren Erfolg verspricht, ist die der Arbeitnehmerüberlassung. Die Mär, dass sich in der Branche keine Fachkräfte und High Potentials tummeln, stimmt so nämlich längst nicht mehr. Laut Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit liegt der Akademikeranteil in der Zeitarbeit bei etwa neun Prozent und gut ein Drittel der Leiharbeitnehmer ist als Fachkraft tätig.

Tendenz steigend. Denn immer mehr Arbeitnehmerüberlassungen spezialisieren sich auf gut qualifizierte High Potentials und bieten gerade Akademikern, Ärzten, Pharmazeuten, IT-Experten oder Ingenieuren zunehmend Karriere-Möglichkeiten.

 

Arbeitnehmerüberlassung: Vorteile für High Potentials

Das eröffnet Chancen für beide Seiten – nicht nur Leihbetriebe, auch Leihmitarbeiter profitieren. Fachkräfte, die sich zum Beispiel beruflich verändern oder ihre Möglichkeiten beim Berufseinstieg ausloten wollen, nutzen die Arbeitnehmerüberlassung immer häufiger als Sprungbrett für ihre Karriere.

Das kommt nicht von ungefähr. Wer sich auf eigene Faust auf dem Jobmarkt umsieht, wird rasch merken: Das Angebot an Jobs ist riesig. Diese Auswahl kann gerade jüngere Arbeitnehmer schnell überfordern.

 

Ihnen stellen sich Fragen wie diese:

  • Wo fühlt man sich am wohlsten?
  • Welche Aufgabe ist die richtige?
  • Welche Entscheidung ist die richtige, wenn auf eine Bewerbung viele vielversprechende Angebote folgen?

 

Karrieresprungbrett Arbeitnehmerüberlassung

Die Arbeitnehmerüberlassung bietet ihnen die Möglichkeit, sich in Ruhe in verschiedenen Arbeitsumfeldern auszuprobieren und bei verschiedenen Arbeitgebern zu arbeiten. Das ermöglicht den Talenten herauszufinden, welches Jobprofil am ehesten ihren Neigungen entspricht. Wollen sie sich irgendwann fest an ein Unternehmen binden, stehen die Chancen in der Regel gut, aus der Arbeitnehmerüberlassung in eine Festanstellung zu wechseln.

Das mag einer von vielen Faktoren sein, der der Branche der Arbeitnehmerüberlassung einen immer größeren Zulauf beschert. Zwischen 2005 und 2015 hat sich die Zahl der Leiharbeitnehmer fast verdoppelt. 2005 waren etwa 453.000 Menschen im Zeitarbeitssektor beschäftigt. Die Leiharbeitsquote lag bei 1,4 Prozent. Im Juni 2015 waren dagegen etwa 961.000 Menschen oder 2,7 Prozent aller Beschäftigten in der Branche tätig. Im Jahr 2015 wuchs die Zeitarbeitsbranche damit um rund fünf Prozent. Im Juli 2017 registrierte die Bundesagentur für Arbeit 1,13 Millionen Leiharbeitnehmer. Tendenz weiter steigend.

 

Die Arbeitnehmerüberlassung scheint also tatsächlich für manchen inzwischen eine echte Karriereoption darzustellen. Das liegt aber nicht nur daran, dass viele Arbeitnehmerüberlassungen an ihrer Ausrichtung gefeilt haben. Auch die rechtliche Lage hat sich verändert.

 

Arbeitnehmerüberlassung: Keine Angst vor Scheinselbstständigkeit mehr

Schon immer verfügen Leiharbeitnehmer zwar über einen vergleichbaren Status zu anderen Arbeitnehmern:

  • Sie haben den gleichen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Urlaub
  • Sie haben den gleichen gesetzlichen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
  • Auch der gesetzliche Kündigungsschutz gilt
  • Der Arbeitgeber zahlt außerdem Beiträgen zur Kranken-, Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung
  • Der Arbeitgeber meldet seine Mitarbeiter bei der Unfallversicherung


Lohndumping in der Zeitarbeit? Nein!

In Sachen Gehalt herrschte aber lange alles andere als eine rechtliche Gleichstellung. Einer von vielen gängigen Vorbehalten gegenüber der Arbeitnehmerüberlassung betrifft daher nach wie vor das Einkommen von Zeitarbeitnehmern. Dieses gilt als zu niedrig. Das war auch lange so. In der Vergangenheit verdienten Leiharbeiter tatsächlich in der Regel weit weniger als die Stammbelegschaft eines Entleihbetriebs – trotz gleicher Arbeit.

Das hat sich aber durch die gesetzlich verankerten Equal Pay-Regelung nach neun Monaten verändert. Dieser gilt seit 1. April 2017 und besagt, dass ein Zeitarbeitnehmer grundsätzlich nach neun Monaten ununterbrochener Überlassung an denselben Kunden einen gesetzlichen Equal Pay-Anspruch hat.

Das heißt im Klartext: Ab diesem Zeitpunkt ist es grundsätzlich nicht mehr möglich, dem Leiharbeiter weniger zu zahlen als regulären Arbeitnehmern. Unerheblich ist dabei übrigens, ob der jeweilige Zeitarbeitnehmer über dasselbe Zeitarbeitsunternehmen oder zuvor über ein anderes Zeitarbeitsunternehmen an diesen Kunden überlassen worden ist.

 

Spezialisierte Leiharbeiter: Mehr als Equal Pay

In hochspezialisierten Bereichen zahlen Personaldienstleister nach eigener Aussage qualifizierten Fachkräften inzwischen sogar deutlich mehr als das branchenübliche Gehalt. Für Entleihbetriebe sind diese Arbeitnehmer damit oftmals deutlich teurer als die eigene Stammbelegschaft. Die Chance, kurzfristig wichtige Stellen auf Zeit zu besetzen oder kritische Lücken in der Personaldecke aufzufüllen, ist ihnen diese Investition aber oft wert.

Denn die Kosten, die entstünden, wenn derartige Positionen auf lange Sicht unbesetzt blieben, wären weitaus gravierender. Zum Beispiel, weil Projekte nicht in angemessener Zeit abgeschlossen werden könnten. Das hätte die größeren betriebswirtschaftlichen Auswirkungen.

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